Podiumsveranstaltung «Wie macht man Vielfalt»
Mammutprojekt im Morgennebel
Von Anfang an den Dialog suchen, von Anfang an Informationen anbieten und Diskussionen anregen, dieses Vorgehen hat sich Rhystadt bezüglich der Entwicklung des Klybeck-Areals auf die Flagge geschrieben. Unter dem Titel «Wie macht man Vielfalt?» fand deshalb am Montag, 13. September, im Gebäude WKL-430 an der Müllheimerstrasse eine Podiumsveranstaltung statt, mit vier Gästen, die in dieser Sache durchaus etwas zu sagen haben. Im Publikum sassen vornehmlich Leute, die auf die eine oder andere Weise in das städtebauliche Mammut-Projekt involviert sind. Inhaltlich unterstrich der Abend vor allem eine Tatsache: wir stehen wirklich noch im Morgennebel des Projekts, in der Phase einer ersten Auslegeordnung.
©Rhystadt/Christian Platz, Bilder: Hans-Jörg Walter
«Gedeihen und blühen lassen» wolle Rhystadt das Klybeck-Areal, so deren CEO Christian Mutschler, der das Publikum begrüsst: «Das ist keine PR-Veranstaltung, es soll vielmehr ein Abend des Austauschs sein.» Die «Fülle des Diversen» gehöre zur Stadtentwicklung. Daniel Palestrina, Metropolitanexperte und Stadtforscher aus Basel hat Erfahrung mit grossen Entwicklungsprojekten im In- und Ausland und startet den Abend mit seiner «Keynote»: Auslegeordnung einer «Problemstellung, die nicht so einfach zu lösen ist.»
Felder der Komplexität
«Was tun wir? Was tun wir nicht? Wie kann man Vielfalt evozieren?» Auf die Fragen, die Palestrina in den Raum stellt, hat er Antworten, die uns auf weitere Felder der Komplexität führen. Man könne Vielfalt nicht erzeugen, man könne sie nur zulassen, fördern und ein Klima schaffen, in dem sie gedeihe. Die Herausforderung für alle, die an einem derartigen Projekt beteiligt seien, sieht er in einem «transdisziplinären Denken», man müsse bei so grossen Projekten «viel mehr Fragen zulassen, als üblich». In einem gewissen Sinne seien hier alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt Investorinnen und Investoren. Parlament und Souverän würden letztlich die Verantwortung für das Projekt tragen: «Wir brauchen hier gute Parlaments- und Regierungsentscheide», so Palestrina. Sein Schlusswort leuchtet hinter ihm auf der Leinwand, in grünen Lettern, während er es sagt: «Es geht bei Entwicklung nicht primär um ein Resultat, sondern um Erkenntnis und Lehrprozesse – bevor wir mit der Ausführung auf ein Resultat oder Ziel hinarbeiten.»
Im Zeichen der Suche nach Erkenntnissen
Tatsächlich wird der ganze Abend im Zeichen der Suche nach Erkenntnissen stehen, während im Hintergrund noch an den absoluten Grundlagen des Projekts gearbeitet wird, über die man noch kaum konkret diskutieren kann. Dieter Kohler, Journalist und langjähriger Redaktionsleiter SRF, führt das Publikum und die Podiumsgäste sehr eloquent und mit souveräner Leichtigkeit durch das Labyrinth der Fragen, welches sich vor jeder Erkenntnis erstrecken muss. Die Gäste waren, nebst Palestrina, Regierungsrätin Esther Keller, Vorsteherin des Baudepartements, Peter Mettler, der mit seiner Firma das Grossprojekt als Arealentwickler bearbeitet, und Angelina Koch, Urban Managerin, Wirtschaftspsychologin und Co-Geschäftsstellenleiterin des Stadtteilsekretariats Basel-West. Die Runde war gut ausgewählt, es waren Personen, die in Sachen Stadtentwicklung Positionen beziehen und vertreten müssen.
Nicht einfach teure Wohnungen für Familien bauen
Die Urban Managerin Koch mahnt sorgfältige Grundlagenarbeit an: «Es kann nur damit anfangen, dass man das Quartier befragt, alle unterschiedlichen Aspekte aufnimmt. Vielfalt entsteht durch die Bewohnerinnen und Bewohner eines Quartiers, sie kann nur entstehen, wenn die Bevölkerung in den Prozess einbezogen wird. (….) Man muss sich die Mühe machen, Sozialräume zu befragen, sorgfältige Analysen durchzuführen und wirklich zu schauen, was ein Quartier braucht.» Wer nun glaubt, dass sich entlang dieses Themas eine Kontroverse mit dem Chefarealentwickler ergeben würde, ist auf dem Holzweg, Peter Mettler: «Bei einem Projekt dieser Grössenordnung ist langfristiges Denken gefragt. Nur Vielfalt garantiert letztlich Rendite, alles andere ist zu kurz gedacht. Wenn wir beispielsweise nur teure Eigentumswohnungen bauen würden, wäre das der Tod des Quartiers. (…) Wir müssen alles im Auge behalten, Schule, ÖV, die gesamte sonstige Erschliessung, Geschäfte, religiöse Zentren, Quartierläden und so weiter. Man kann nicht einfach teure Wohnungen für Familien bauen, man muss das gesamte Umfeld berücksichtigen, die Mischung muss stimmen – und natürlich sind Genossenschaften ein wichtiges Thema. Momentan geht es ja vor allem darum, die Gebäude zu erschliessen, Zwischennutzungen zu ermöglichen, wobei eine ganze Menge lähmender amtlicher Vorschriften den Prozess verlangsamen.»
«Reality Check durch die Bevölkerung»
Da kommt Esther Keller ins Spiel: «Natürlich muss das Ganze partnerschaftlich entstehen. Eins ist klar, der ‘reality check`am Schluss erfolgt durch die Bevölkerung. Wenn wir unterwegs auch nur eine Gruppe und ihre Anliegen verpassen, dann bekommen wir am Ende die Rechnung dafür. Im Klybeck kann nur Partizipation den Erfolg bringen. (…) Die Bevölkerung hat bei einem derart grossen Projekt – uns gegenüber – keine Bringschuld, vielmehr haben wir eine Holschuld, wir müssen über alle Aspekte informiert sein. Was die Vorschriften anbelangt, so ist es klar, dass Sicherheit oberste Priorität hat. Viele Vorschriften, was etwas Energiefragen anbelangt, kommen vom Bund, da haben wir einen relativ engen Spielraum, wir müssen am Schluss ja die Verantwortung übernehmen.» Zwischennutzungen, Genossenschaftsmodellen, bezahlbaren Wohnungen und Gewerbelokalen gegenüber zeigt sich die Baudirektorin überaus aufgeschlossen.
Prolog
Am Ende gibt es eine kurze Diskussion mit dem Publikum, die (noch) nicht viel Weiteres zutage fördert. Der Abend ist eine Auslegeordnung, ein Prolog, in diesem Sinne hat er sich durchaus gelohnt. Die Diskussionen, die noch folgen, werden ein ganz anderes Kaliber aufweisen, mit jeder Konkretisierung, jedem Entscheid wird das öffentliche Interesse, werden Rücken- und Gegenwinde zunehmen. Deshalb hat Rhystadt diesen ersten Pflock eingeschlagen, die Reihe «Salon Basel Next» hat erst angefangen.